16. Januar 2017

Pilgerreise nach Israel im September 2016

Es freut mich, dass ich hier von meinen Eindrücken berichten darf. Diese Reise war außergewöhnlich und ist unmöglich mit anderen schönen Reisen zu vergleichen. Nicht nur die vielfältigen aktuellen Realitäten, die einem dort ständig begegnen; besonders die anschaulichen Ausführungen, Impulse und Erklärungen von Pater Franz von Sales und Pfarrer Willi Huber hauchen den bisher zwar altbekannten Texten aus der Bibel neues Leben ein und werden für mich viel verständlicher in ihren Aussagen. Damit habe ich nicht gerechnet - dass die Verknüpfung von AT und NT über mehr als 5000 Jahre Geschichte bis in die „Jetztzeit“ meines Lebens reichen kann. Und das hat mich am meisten an der Reise begeistert. Das bleibt anhaltend.


Unsere Reisegruppe mit 33 Menschen, die ich zum großen Teil noch gar nicht kannte, war eine echte Gemeinschaftserfahrung und für mich von großem Wert, weil ich sonst nur wenig Gemeinschaft mit Menschen habe. Die Gespräche gingen schnell in die Tiefe und oberflächliches Getue stand nicht auf dem Programm. Die Abende auf der Dachterrasse mit grandiosem Blick über Bethlehem, Jerusalem oder später am See Genezareth waren fröhlich und ernst und witzig und gehaltvoll und geprägt vom gegenseitigen Austausch. Auch der Wein wurde immer schön untereinander geteilt.

Impressionen

 
 

Von Bethlehem nach Jerusalem

In Bethlehem, bei der Heiligen Miriam von Abellin durften wir uns den Mantel umhängen und für uns beten. Und in der von ihr gelebten Kleinheit Größe erfahren. In der Geburtskirche feiern wir eine berührende Hl. Messe bevor der Lichterprozession mit den Franziskanern folgen. Zu späterer Stunde waren wir allein an der „Krippe“ und im Gebet vertieft. Zurück im Saint Vincent Guesthouse empfinde nicht nur ich großen Respekt für die Schwestern, die sich hier im Kinderhaus um Frühlinge und ausgesetzte Kinder kümmern. Welch eine Aufgabe! saintvincentguesthouse.com/en/guest-house/creche

Die hohe graue Mauer mit den Checkpoints zieht sich durch die Stadt und außen herum, riesig und unüberwindbar. Graffities und Texte auf der einen Seite erzählen Geschichten der ausgesperrten und vertriebenen palästinensischen Bevölkerung. Tage darauf in Yad Vashem zeigt sich die Geschichte auch unserer Vergangenheit. Sehr bedrückend. So viel Leid auf allen Seiten. So viel Schuld. So viel an Vergebung wäre nötig. Das übersteigt oft das, was Menschen alleine leisten können. Viele Tränen und große Trauer.

Bei den unvermeidlichen Einkäufen im Souk kommen wir in unerwartet guten Kontakt mit den Einheimischen. Gespräche über Kinder, die in Deutschland studieren oder Verwandte die in München leben und arbeiten. Bekannt war bereits allgemein, dass „die Deutschen“ keine Plastiktüten mögen. :-) Täglich gibt es Vitamine als frisch gepressten Granatapfelsaft an den Standln – und damit man sieht, dass hier wirklich alles frisch ist und nichts gepanscht wird, muss/darf man ganz genau zuschauen. Köstlich!

Ein Kreuzungspunkt

Der Blick bei der wunderschönen Hl. Messe am Ölberg geht über die Olivenbäume, die ich sowieso schon immer als „biblisch“ abgespeichert habe; weit über das Kidron-Tal zum Tempelberg mit der goldenen Kuppel und weiter bis zur Grabeskirche macht deutlich, dass es hier wirklich Berge und nicht nur flaches Land gibt. Auch das eine Überraschung. Überhaupt seltsam, irgendwie hatte ich mir kaum eine richtig reale Vorstellung von der Gegend hier gemacht und bin laufend in „ah“ und „oh“ verfallen.An der Kreuzung, wo die Muslime vom Freitagsgebet in Richtung Damaskus-Tor heimgehen und dabei auf die Pilger treffen, die den Kreuzweg auf der Via Dolorosa beten sind wir spontan zum Mittagessen sitzen geblieben. Hier trifft alles zusammen. Ein unvergleichliches Bild. Bewaffnete Sicherheitsdienste stehen an der Ecke in voller Montur bei der Hitze. Und wenig später begeben sich die jüdischen Einwohner zur Westmauer, weil abends der Sabbat mit Musik, Tanz und Gebet beginnt. Verblüffend: Christen leben hier nur noch als kleine 2%-Minderheit. Dabei wären es vielleicht wir, die womöglich eine Verbindung zwischen allen herstellen könnten.Spätestens jetzt muss sich mein/unser allseits beliebtes Schwarz-Weiß-Denken in die Schublade verabschieden. Hier gibt es viele Wahrheiten und es kann m. E. überhaupt nur funktionieren, wenn es jedem möglich wäre, einander mit Achtung und Respekt zu begegnen. Doch das gilt ja überall in der Welt …Für mich im „gemütlichen Europa“ heißt es zu lernen, diese Vielfältigkeit auszuhalten. Toleranz zu üben und doch den eigenen Standpunkt klar zu vertreten. Das sind wir in Bezug auf unsere Religion oft nicht gewohnt. Die Begegnung mit der Journalistin Andrea Krogmann, die seit über 6 Jahren in Jerusalem lebt, bestätigt dieses Bild. Sie drückt es als Mosaik mit unzähligen bunten Steinchen aus – und täglich kommen neue hinzu. Aus ihrem Blog mit vielen Geschichten und Gesprächen ist inzwischen auch ein Buch entstanden. kipa-in-jerusalem.blogspot.de

Folgt mir nach! Auf den Spuren Jesus durch die Wüste

Heute folgen wir den Wegen Jesus in der Wüste - auf dem Höhenweg vom St. Georgskloster durch das Wadi Kelt nach Jericho, der ältesten Stadt der Welt heißt es. Wir gehen in andächtiger Stille. Das grüne Band des Jordans leuchtet am Horizont und dahinter liegen fast durchsichtig die Berge zu Jordanien. Am Jordan erleben wir ergreifende Momente bei der Tauferneuerung. Dann wird mit viel Spaß und doch vorsichtig im Toten Meer geplanscht - das Wasser brennt schon sehr in den Augen - und wir kommen voll neuer intensiver Eindrücke im Griechisch-katholischen Patriarchat an. Wie viel man an einem einzigen Tag erleben kann…!

Die außergewöhnlichen Tage in Jerusalem haben ein Ende. Wir fahren Richtung Emmaus und wandern wie die Jünger am Ostermontag in Zweiergruppen ins Gespräch vertieft nach Emmaus Nicopolis und bewundern dort nach der Hl. Messe das über 2000 Jahre alte Mosaik. So geht es mir auch in echt: „Und brannte nicht unser Herz…“ Die anschaulichen Bibel-Lehre(n) werde ich daheim sehr vermissen! Es geht weiter nach Norden Richtung See Genezareth. Die Erzählung von den Fischern im kleinen Boot, die ängstlich im Sturm auf Jesus hoffen, hat mich als Kind schon fasziniert. Doch vorher erwartet uns noch der Berg Carmel. Hier bekämpfte Elias mit Gottes Hilfe die Götter der Baal. Eine spektakuläre Aussicht über das weite Land bis hin zum glitzernden Mittelmeer. Also, noch schöner kann es ja gar nicht mehr werden. Ich bin schon völlig angefüllt. Dachte ich mir. Irrtum! Wir kommen im allerschönsten gold-rosa-violett-blauen Abendlicht am See Genezareth an und hinter dem massigen Klippenvorsprung glitzern die Lichter von Tiberias. Es ist einfach nur überwältigend schön! Ich bin echt sprachlos. www.emmaus-nicopolis.org/deutschAn den folgenden Tage stehen wir an den erfrischenden Quellen des Jordan in Tel Dan und Banias, entdecken Kapharnaum, fahren auf den Berg der Seligpreisungen, trinken in Kanaa Hochzeitswein, verbringen viele stille Stunden in Nazareth. Im „Centre Marie de Nazareth“ nahe der Verkündigungsbasilika erleben wir in einer beeindruckenden Multimedia-Show das Leben Marias. Hier werden Einheimischen, Christen, Touristen und Pilgern die Rolle Mariens im christlichen Glauben näher gebracht. Und hier wollte mein Strohhut auch bleiben – ich habe ihn wo liegen lassen…

Stürmische Zeiten – damals wie heute ...

Wir feiern die Hl. Messe auf dem Boot mitten im See und schwimmen später im lauwarmen See - fast schwebend. Abends treffen wir uns zum Gespräch am Ufer unterm Sternenhimmel. Es hat alles so viel Frieden – das kann ich mit den vielen unheilvollen Geschichten über diese Gegend aus den Abendnachrichten der letzten Jahrzehnte im Kopf gar nicht in Zusammenhang bringen.

Dann die bergige Fahrt durch die Golanhöhen – hoch vor uns der kahle Berg Hermon, da kann man im Winter sogar Skifahren …! Unterhalb der Baumgrenze schmiegen sich Dörfer an die Hänge. Vier Drusendörfer gibt es hier mit 18.000 Einwohnern, die einen eigenen Staatsvertrag mit Israel haben. Grün wohin man schaut. Gemüsegärten, Apfelbäume, Kirschen, Granatapfel, Weinstöcke – alles da. Quasi ein Garten Eden. Aber fast jede Einführung von Pater Franz beginnt mit den Worten: Es ist alles ein bisschen schwierig … Stimmt! Etwas weiter am Parkplatz wird es uns deutlich.

Unten das UNO-Blauhelmlager, oben am Hügel militärische Einrichtungen – und nur 60 km weiter liegt Damaskus – soweit wie von München nach Wasserburg … unvorstellbar wenn man vom friedlichen Gartenbau runterkommt. Frieden und Gerechtigkeit für die ganze Region. Syrien, Jordanien, Libanon, Israel, Palästina. Da bleibt echt nur beten; um die nötige Weisheit für alle beteiligten Menschen und Mächte. Wir beten lange. Ach ja, sehr traurig macht mich und uns alle das.

Eine Geschichte – viele Gesichtspunkte

Zurück in Tabgha wieder eine andere Geschichte. Der Benediktiner-Pater der Brotvermehrungskirche erklärt, dass hier unten zu wenig Wasser ankommt, weil oben so viel zur Bewässerung abgezweigt wird. So verändert sich der paradiesische Garten und bekommt ein zweites Gesicht. Oben am Golan ist alles grün und hier unten müssen nun neue syrische Oliven gepflanzt werden, weil sie weniger Wasser benötigen … Der Wasserpreis steigt laufend und wird außerdem rationiert. Der Wasserspiegel am See (ca. 200 m unter Meereshöhe) dagegen sinkt, er ist fast 2 Meter niedriger als noch vor 4 Jahren.

Mir kommt das alles wie in einem Kaleidoskop vor. Für einen kurzen Augenblick ist alles gut, perfekt, schön, symmetrisch. Doch kaum dreht man ein bisschen, so verfällt das ganze Bild und wird zum kaputten Splitter- und Trümmerhaufen, der sich einen Moment später wieder in gut, perfekt und schön verwandelt. Und so war mein Eindruck die ganze Reise über. Nichts bleibt wie es gerade eben noch war. Ja, vieles ist ein bisschen schwierig. Und doch: Das Wort Gottes hat Bestand!

Wenn es mir möglich sein soll, werde ich wieder hierher kommen! Und in der Zwischenzeit lese ich in der Bibel und habe dabei richtig reale Bilder und echtes Leben vor Augen!

Vielen lieben Dank an Hildegard Hoßmann für die Organisation, an Pfr. Willi Huber und Pater Franz für die intensive Begleitung und an die ganze Pilgerschar, die so herzlich und offen war und mir unvergessliche und segensreiche Tage fürs Leben geschenkt hat.
Und: Gott sei Dank!



Karin Maria Huber